
Die TiL-Bühne wird zur Baustelle eines Lebens
Christian Fries inszeniert Oliver Bukowskis Kleist-Stück »Wenn ihr euch totschlagt, ist es ein Versehen« im Theaterstudio im Löbershof.
Rainer Hustedt als Wiepert und Irina Ries als Claudi.
Spielfreudig und temporeich präsentierte Christian Fries seine Inszenierung von Oliver Bukowskis Kleist-Stück »Wenn ihr euch totschlagt, ist es ein Versehen« bei der Premiere im TiL am Freitagabend. Von Techno-Beats beschallt kommen die Besucher durch den Hintereingang ins Theater, um erst nach der ersten Szene vom »Theatreguide« auf die Plätze hinter der Trassierbandabsperrung gebeten zu werden, allerdings nicht, um dort für die gesamte Spieldauer bequem zu verharren. Dynamik auch auf der von Marion Eiselé gestalteten Spielfläche, die zugleich die Garderobe der Darsteller abgibt und deren Herrichtung insgesamt einer Loft-Wohnung ähnelt. Herum stehen eine Schaufensterpuppe, eine alte Badewanne, zwei Monitore, auf denen sich das Geschehen ab und an dupliziert - die altmodische, halb herunter geblätterte Tapete wird später ebenfalls zur Projektionsfläche; auf dem Boden zwei rote Läufer und vor allem viele Kartonteile, die zwischen den elf flott abgerollten Szenen immer wieder neu gemischt oder umsortiert werden, als entstünde dadurch ein neuer Sinn des Bühnenbildes, das man auch als Baustelle Leben bezeichnen könnte.
Dergestalt thematisieren sich Requisiten, Kulissen und Spielanweisungen irgendwo zwischen Kunst und deren vermeintlichem Gegenteil selbst im theatralischen Geschehen, das inhaltlich einer Übertragung Kleist'scher Lebensstationen in die Gegenwart folgt, so dass man sich in Milan Pešls Aufwartung als Bernd Getskard zuweilen etwa an Kurt Cobain erinnert fühlt, dessen junges Leben bekanntlich ebenfalls mit einem tödlichen Schuss endete.
Die Geschichte besticht nicht eben durch Handlung. Getskard zweifelt, sein Stück scheitert, er versucht es mit einer bürgerlichen Lebensweise, scheitert erneut - dem Zuschauer erschließt sich das mittelbar durch ein nach außen gekehrtes Innen. Beziehungskonstellationen und innere Zustände werden in der Dramaturgie von Julia Figdor kaum sprachlich vermittelt, sondern körperlich exemplifiziert. Claudi (Irina Ries) liegt ihrem Geliebten Getskard buchstäblich zu Füßen, während sein Förderer und Freund Wiepert (Rainer Hustedt) durch eine Pappwand abgeschirmt nicht einfach hinter den beiden hockt, sondern wohl auch etwas hinterhältig ist. Zumindest aber gibt es zwischen ihm und dem bewunderten Getskard noch etwas Trennendes, während ihm Claudi bei aller Eigenständigkeit ihres Charakters doch verfallen ist.
Dabei bedient sich diese Bildsprache mal tänzerischer Elemente, dann wieder komischer Slapstickeinlagen, wie in der von Peŝl mit Bravour vorgetragenen Pantomime auf die Absurdität des menschlichen Daseins als Stoffwechselautomat. Freilich ist der nervöse Getskard gerade das nicht, sondern ein bis zur Überspanntheit vergeistigtes Naturell. »Du bist nicht dumm und oberflächlich oder zynisch wie die anderen«, gesteht ihm Claudi eines Nachts dem Sinn nach, sondern »wahr. Dir ist es ernst mit dem Leben.« Ebendarin liegt denn auch Getskards tragische Komponente. Denn worin besteht das wahre Ich eines modernen empfindenden Subjekts? Klagte der von Kleist »auf den Knien (s)eines Herzens« angeflehte Goethe, der den Schöpfer des »Zerbrochenen Krugs« nicht sonderlich schätzte, noch über zwei widerstreitende Seelen in seiner Brust, so ärgerte sich etwa Kleists Zeitgenosse E. T. A. Hoffmann bereits über einen ganzen Pulk von Stimmen, die ihn innerlich zu zerreißen drohten. »Ich bin das, was ich scheine, und scheine nicht das, was ich bin, mir selbst ein unerklärliches Rätsel, bin ich entzweit von meinem Ich«, klagt der Medardus der Elixiere über das Phänomen der multiplen Selbstwahrnehmung, die im digitalen Zeitalter durch die inflationäre Vervielfältigung der primären Wirklichkeit noch gesteigert wird.
Könnte das philosophische und mittlerweile auch gerne als Pubertätskitsch abgetane Thema der modernen Identitäts- und Erkenntniskritik, an der sich im Ausgang von Kant über Kleist und Hoffmann bis hin zu Bukowskis Bühnenstück die Literatur abarbeitet, auch vom Theaterbesuch abschrecken, so überzeugt diese Inszenierung durch die spielerische Leichtigkeit, mit der sich ihr Tiefsinn ästhetisch genießbar und oft auch komisch entfaltet. Der Unterhaltungswert äußert sich nicht zuletzt in einer Reihe überraschender Regieeinfälle. Schon mal gehört, wie es klingen kann, wenn man die Kritik der Urteilskraft singt? Bis zum Schluss vermochten die Darsteller das Publikum mit ihrem Spieltrieb zu bannen, wofür es lang anhaltenden Beifall spendete. Matthias Luft, Gießener Allgemeine Zeitung